Geschichte des Abendgymnasiums


50 Jahre Abendgymnasium Braunschweig

Gründung des Abendgymnasiums

1949-1967 Die Abendoberschule als Teil des Gymnasiums Kleine Burg

1968-1975 Selbstständigkeit und Expansion

Seit 1975 Kurssystem und Mitbestimmung

1990-99 Modellversuch 1 1/2 - jährige Einführungsphase

1991-99 Rückgang der Studierendenzahlen und Veränderung der Schülerstruktur

Abitur für alle? - Der Trend zur Höherqualifizierung

Gleichwertigkeit beruflicher und allgemeiner Bildung

Veränderung der Studierendenstruktur - Auswirkungen auf Inhalte und Organisation von Unterricht

Computer und Internet

Sport, Kunst und Theater

Unsere Studierenden

Das Kollegium

Einige abschließende Bemerkungen

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50 Jahre Abendgymnasium Braunschweig

Von wenigen Vorläufern abgesehen beginnt die Geschichte des Zweiten Bildungsweges unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Für ehemalige Kriegsteilnehmer, denen es nicht möglich gewesen war, ihre frühere Schulzeit mit dem vollgültigen Abitur abzuschließen, wurden an normalen Gymnasien und an Volkshochschulen oder bei anderen Bildungsträgern Kurse eingerichtet, die nach einem zwei- bis dreijährigen Lehrgang zur Reifeprüfung führten.

Schon damals entstand die Zweiteilung zwischen den späteren Abendgymnasien und den Kollegs: während erstere die Kurse berufsbegleitend bei verringerter Stundenzahl in den Abendstunden anboten, war der Besuch der Kollegs mit einer Unterbrechung der Berufsausübung verbunden und stärker an der Organisationsform der Tagesgymnasien orientiert.  Braunschweig gehörte mit zu den ersten Städten, die schon 1949 sowohl eine Abendoberschule als auch ein Kolleg gründeten.

Die wechselvolle Geschichte dieser beiden Schulen kann damit auch exemplarisch für die 50-jährige Geschichte des Zweiten Bildungsweges stehen, zumal, da wichtige Entwicklungen nicht nur für Niedersachsen ihren Ursprung in Braunschweig hatten.
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1949-1967 Die Abendoberschule als Teil des Gymnasiums Kleine Burg

In der Gründungsphase (1949 - 1954) wurde die Städtische Abendoberschule in Braunschweig organisatorisch und räumlich der damaligen Städtischen Oberschule für Mädchen (dem heutigen Gymnasium Kleine Burg) angegliedert.

Mit wachsendem zeitlichen Abstand vom II. Weltkrieg nahm die Teilnehmerzahl natürlich ab, schließlich im Jahre 1953 so rapide, dass man im Hinblick auf den gleichzeitigen Lehrermangel bereits eine Schließung der Abendoberschule ins Auge fasste.

Der damalige Schulleiter, Herr Oberstudiendirektor Erich Heckhausen, hatte jedoch die Idee, die Abendoberschule für alle Interessierte zu öffnen, die aus den unter-schiedlichsten Gründen nach dem Haupt- oder Realschulabschluss zunächst eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hatten, und als regulärer Schulzweig dem Gymnasium anzuschließen.

Diese Entwicklung vollzog sich auch in anderen Städten und brachte im Jahre 1958 eine Vereinheitlichung der Stundentafeln für die Abendgymnasien - wie sie inzwischen bezeichnet wurden - in der Bundesrepublik mit sich. Gleichzeitig setzte die Förderung der Studierenden des letzten Schuljahres aus Landesmitteln ein, wobei Bedürftigkeit und Einstellung der Berufstätigkeit Voraussetzung war. Die öffentliche Bildungswerbung der damaligen Zeit - Stichwort Erschließung von Begabungsreserven - führte allmählich zu einer kräftigen Erhöhung der Bewerberzahl.
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1968-1975 Selbstständigkeit und Expansion

Mit Beginn des Schuljahres 1968/69 wurde das Abendgymnasium in Braunschweig durch Einrichtung einer eigenen Schulleitung mit einem selbstständigen Lehrerkollegium organisatorisch vom Mädchengymnasium Kleine Burg getrennt. Herr Oberstudiendirektor Helmut Weidemeier leitete von diesem Tage an mit viel Geschick und Innovationsgeist bis zu seiner Pensionierung 1995 27 Jahre lang das Abendgymnasium Braunschweig.

In Verbindung mit einer bald darauf von den Kultusministern der Länder beschlossenen Erweiterung des Fächerangebots war es möglich, das System erheblich zu vergrößern: im Jahre 1974, zum 25jährigen Jubiläum der Schule, hatte die Schülerzahl mit ca. 280 nahezu ihren höchsten Stand erreicht.

Dieser Aufschwung war in erster Linie auf die gestiegene Bildungsnachfrage von Frauen zurückzuführen. Lag der Frauenanteil in den 50er Jahren bei gerade mal 10 Prozent und auch in den 60er Jahren noch unter 20 Prozent, so stieg er in den 70er Jahren auf über 50 Prozent an, eine Reaktion auf die historische Bildungsbenachteiligung von Frauen und das Streben nach Gleichberechtigung. Auch im Lehrerkollegium nahm der Frauenanteil kontinuierlich zu.

Die 70er Jahre standen gesellschaftspolitisch ganz im Zeichen von Forderungen nach Gleichberechtigung, Kompensation sozialer Benachteiligung und Mitbestimmung. Diese fanden auch im zweiten Bildungsweg ihren Niederschlag. Die Schülerförderung wurde nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG)  auf die letzten eineinhalb Jahre vor der Abiturprüfung ausgedehnt und verbesserte die Bildungschancen der Erwachsenen.
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Seit 1975 Kurssystem und Mitbestimmung

Ab Herbst 1975 trafen sich Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte regelmäßig in einem von der Gesamtkonferenz eingerichteten gemeinsamen Ausschuss, um über Möglichkeiten der Auflockerung des von beiden Seiten als sehr starr empfundenen Fächerkanons zu beraten. In der damaligen Zeit räumte man den Schülerinnen und Schülern an Tagesgymnasien immer mehr Freiheit bei der Auswahl von Fächern ein, denn es erschien widersinnig, dass es gerade bei Erwachsenen, die ja in der Regel aufgrund ihrer bisherigen Vorbildung und Lebenserfahrung bei Eintritt in das Abendgymnasium schon bestimmte Prägungen erfahren hatten, eine Schwerpunktbildung nicht geben sollte.

Ein Schüler-Lehrer-Ausschuss erarbeitete ein Modell "Kurssystem", das zur Genehmigung als Schulversuch eingereicht wurde. Mit dem Erlass des Niedersächsischen Kultusmi­nisters vom 14. 8. 78 war es dann so weit: der Schulversuch "Durchführung des Kurssystems am Abendgymnasium in Braunschweig" mit besonderer Prü­fungsordnung wurde als Pilotprojekt für das Land Niedersachsen genehmigt und führte nach erfolgreichem Abschluss zu einer Änderung der Verordnung und einer bundesweiten Einführung des Kurssystems auch an den Abendgymnasien. Aus den traditionellen Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Latein, Geschichte, Gemeinschaftskunde, Erdkunde, Mathematik, Biologie, Chemie und Physik konnte sich jeder unter bestimmten Auflagen sein für ihn passendes Menü zusammenstellen. Zwischen 1980 und 1984 kamen Psychologie, Philosophie und Informatik als neue Fächer hinzu.

Die aktive Mitarbeit an Entwicklung und Durchführung des Modells Kurssystem motivierte die Studierenden so, dass sich die Gesamtkonferenz mit Beginn des Schuljahres 1978/79 eine besondere Ordnung gab; danach erhielten in der Gesamtkonferenz so viele Schüler­vertreter Stimmberechtigung, dass 2/3 der stimmberechtigten Mitglieder der Gesamtkonferenz Lehrkräfte sind ("Drittelparität"). Dies führte zu einer Stärkung der Position der Schülervertreter gegenüber der von ihnen zu vertretenden Gesamtheit, denn nun konnte die Schülerschaft eher damit rechnen, Mehrheiten für ih­re Vorschläge zu erhalten.

Leider hielt der Umfang dieses Engagements nicht auf Dauer, eine zunehmende "Flexibilisierung der Arbeitszeiten" und Angst vor einem Arbeitsplatzverlust führte seit Beginn der 90er Jahre wieder zu einer abnehmenden Beteiligung von Studierenden an der SV-Arbeit. Der zur bestehenden Mehrfachbelastung  hinzukommende Zeitaufwand für SV-Arbeit scheint vielen Studierenden zu hoch zu sein. Mit Inkrafttreten der neuen Verordnung für die Abendgymnasien und Kollegs wurde die Drittelparität wieder abgeschafft und durch die reguläre Mitbestimmung, d.h. auf sechs Studierendenverstreter in der Gesamtkonferenz, begrenzt. Trotz des quantitativen Rückgangs der Beteiligung sind immer noch ausreichend Studierende aktiv an allen Vorhaben beteiligt. Kritik und Anregungen aus der Studierendenschaft sind oftmals erste Impulse für Reformprojekte.
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1990-99 Modellversuch 1 1/2 - jährige Einführungsphase

Es zeigte sich, dass die zeitliche Belastung für Studierende, die Beruf, Haushalt, Familie und Abendschule unter einen Hut zu bringen versuchen, oftmals zu groß ist. Mit Einführung des langen Dienstleistungs-Donnerstags wurde der Besuch an diesem Tag für einige Studierende kaum noch möglich. Aus Überlegungen heraus, wie auf diese Situation reagiert werden könne, wurde Anfang der 90er Jahre der Modellversuch "Verlängerte Einführungsphase mit 4-Tage-Woche" konzipiert, der die einjährige Einführungsphase auf eineinhalb Jahre streckt und dafür einen unterrichtsfreien Donnerstag ermöglicht. Insbesondere für Studierende, die in der Realschule noch keine zweite Fremdsprache erlernt hatten, eröffnete dies die Möglichkeit, im ersten halben Jahr verstärkt Französisch oder Latein als neue Fremdsprache zu erlernen. Bei Latein besteht so auch die Möglichkeit, zusammen mit dem Abitur das Kleine Latinum zu erwerben. Der neue Februarbeginn  wird gut nachgefragt und ist zu einem festen Bestandteil des Unterrichtsangebots geworden.

Nach der generellen Verlängerung der Ladenöffnungszeiten und in Folge auch verlängerter Öffnungszeiten von Dienstleistungsunternehmen und Behörden stellte sich das Problem der Anpassung der Schulzeiten erneut, ohne das bisher hier eine  Lösung gefunden werden konnte, die allen Interessenten gerecht würde. Insbesondere für Beschäftigte des Einzelhandels ist der regelmäßige Schulbesuch schwierig geworden. Zur Zeit wird ein neues Modell für zeitlich besonders belastete Studierende konzipiert, das zu Beginn des nächsten Schuljahres in die Erprobungsphase tritt.
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1991-99 Rückgang der Studierendenzahlen und Veränderung der Schülerstruktur

Seit Anfang der 90er Jahre müssen sich die Schulen des Zweiten Bildungsweges mit verschiedenen Entwicklungen und Problemen auseinander setzen, die zu einem deutlichen Rückgang der Studierendenzahlen und einer geänderten Schülerstruktur geführt haben.

Von besonderer Bedeutung ist die demografische Entwicklung. So sank die Geburtenzahl in Deutschland von 1963 bis 1975 um ca. 40 Prozent, um sich danach nur leicht wieder zu erhöhen. Dies hat an allen allgemeinbildenden Schulen zu einem dementsprechenden Rückgang der Schülerzahlen geführt. Die Abendgymnasien mit überwiegend 20-39 Jahre alten Studierenden sind hiervon seit knapp 10 Jahren betroffen. 1985 besuchten 323 Studierende das Abendgymnasium Braunschweig, das absolute Maximum in der Geschichte der Schule. Seither ist eine ständige Verringerung eingetreten, nur unterbrochen von einem kurzfristigen Wiederanstieg Anfang der 90er Jahre.

Dieser war auf eine Sonderentwicklung, den Zusammenbruch des kommunistischen Systems und der Wiedervereinigung Deutschlands zurückzuführen. Viele Berufstätige aus den neuen Ländern, die aus politischen oder anderen Gründen in der ehemaligen DDR nur den mit dem Realschulabschluss vergleichbaren POS-Abschluss erwerben konnten, nutzten nun die Chance, auf dem 2. Bildungsweg das Abitur nachzuholen. Die Nachfrage war besonders in den ersten Jahren der Wiedervereinigung in Braunschweig sehr groß.

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Abitur für alle?

Der Trend zur Höherqualifizierung

Die Studierendenzahl, die von 1980 bis 1995 zwischen ca. 250 und 320 schwankte, ging bis 1999 auf unter 180 zurück, ein Rückgang um ca. 40 %. Neben demografischen Veränderungen spielt hier das veränderte Bildungsverhalten in Deutschland eine Rolle. Immer mehr Schüler erwerben auf direkten Weg das Abitur oder den Fachhochschulabschluss.

Vergessen werden darf aber nicht, dass diese Entwicklung einhergeht mit einem ständig wachsenden Qualifikationsbedarf in der Gesellschaft. In vielen Berufen, für die früher ein Hauptschulabschluss reichte, werden heute überwiegend Abiturienten eingesetzt. Der Bedarf an geringqualifizierten Arbeitnehmern schrumpft schnell, und auch die Tatsache, dass die Zahl arbeitsloser Akademiker steigt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter den Arbeitslosen und besonders unter den schwer vermittelbaren überproportional viele gering qualifizierte sind. Alle wissenschaftlichen Prognosen deuten darauf hin, dass der Trend und damit der Bedarf an Höherqualifizierten weiter zunehmen wird. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt und eine weitere Globalisierung von Wirtschaft und Politik erfordern eine deutlich höhere Qualifikation in vielen Bereichen, die naturwissenschaftlich‑technische, sprachliche und soziale Kompetenzen umfasst. Da aber andererseits gerade wegen des Geburtenrückgangs der Bedarf in Zukunft kaum ausschließlich mit neuen, jungen Mitarbeitern gedeckt werden kann, ergeben sich mittelfristig für die Erwachsenenbildung neue Perspektiven.

Allerdings hat sich der Ansatz verschoben. War der 2. Bildungsweg früher tendenziell eher dazu da, eine Bildungsreserve zu mobilisieren und Hochbegabten aus sozial benachteiligten Schichten den Hochschulzugang zu ermöglichen, durchaus im Einklang mit elitären Bildungszielen, so ist Bildung heute Allgemeingut, das Abendgymnasium ebenso wie das Gymnasium eine Institution für "jedermann" und "jedefrau". War das Abitur früher Garant für beruflichen und sozialen Aufstieg, so sind heute Abitur und Fachabitur pure Notwendigkeit: ohne qualifizierte Schul- und Berufsabschlüsse sowie ständige, lebenslange Fort‑ und Weiterbildung droht beruflicher und sozialer Abstieg.

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Gleichwertigkeit beruflicher und allgemeiner Bildung

Noch eine weitere Entwicklung hat in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen für die Abendgymnasien (und Kollegs) verändert, nämlich die in neuen Verordnungen erkennbaren Tendenzen, Ausbildungszeiten zu verkürzen und berufliche und allgemeine Bildung als prinzipiell gleichwertig zu postulieren, was an vier Beispielen aufgezeigt werden soll:

  1. Wer nach dem Erwerb des Hauptschulabschlusses eine Berufsausbildung erfolgreich abschließt, erhält heute automatisch den Realschulabschluss, bei guten Zensuren sogar den erweiterten Sekl-Abschluss.
  2. Mit den Abschlüssen der Fachoberschule und der Fachschulen (z.B. bei der Ausbildung zum Techniker oder zur Erzieherin) wird gleichzeitig der allgemeine (!) Fachhochschulabschluss erworben.
  3. Mit dem Besuch einer neu eingerichteten Berufsoberschule im Anschluss an die Fachoberschule kann man in einem Jahr einen fachgebundenen Hochschulzugangs erwerben, der durch eine anschließende Ergänzungsprüfung in einer 2. Fremdsprache sogar noch zum allgemeinen Hochschulzugang aufgewertet werden kann.
  4. An den Gymnasien und Gesamtschulen wird schon nach der Vorstufe mit der Versetzung ins Kurssystem der schulische Teil der Fachhochschulreife erworben.

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Veränderung der Studierendenstruktur - Auswirkungen auf Inhalte und Organisation von Unterricht

Der Realschulabschluss ist schon längst der "Hauptabschluss", der Hauptschulabschluss verliert jede Bedeutung, der Erwerb einer Hochschulreife wird immer mehr zum Normalfall, deutlich besonders in bestimmten Städten, in denen heute schon mehr als 50 % eine Hochschulreife oder Fachhochschulreife erwerben.

Schon bald wird es die klassische Klientel des Vorkurses nicht mehr in ausreichendem Maße geben. Dennoch bleibt der Vorkurs wichtig, um unterschiedlichen Gruppen mit nicht ausreichenden Kenntnissen in Deutsch, Englisch oder einer 2. Fremdsprache Kompensationen zu ermöglichen:

  1. (Spät-)Aussiedlern aus Osteuropa und Asien und neu eingewanderten Ausländern (z.B. Flüchtlinge und anerkannte Asylbewerber) fehlen meist Deutsch- und Englischkenntnisse;
  2. "Gastarbeiterkinder" der zweiten und dritten Generation wachsen zwar zweisprachig auf und sprechen Deutsch in der Regel gut, in den schriftlichen Ausdrucksmöglichkeiten zeigen sich jedoch manchmal noch Schwächen;
  3. Studierende, die ihren Schulabschluss noch zu DDR-Zeiten an einer POS gemacht haben, verfügen oft über keine oder nur unzureichende Englischkenntnisse.

Für diejenigen Studierenden, die trotz vorhandener Sprachdefizite direkt in die Einführungsphase eintreten möchten und aufgrund ihres formalen Abschlusses auch dürfen, müssen besondere Förderkurse angeboten werden.

Durch die Vermittlung sprachlicher Kenntnisse wird ein wichtiger Beitrag zur Integration dieser Studierenden in Schule und Gesellschaft geleistet. Aber es sind nicht nur die sprachlichen Defizite, die aufgearbeitet werden. Schule trägt auch dazu bei, tiefer in die hiesige Kultur einzudringen, ein Stück weit auch deutsche Identität zu erlangen. Interessant ist, dass viele Ausländer parallel zum Besuch des Abendgymnasiums ihre Einbürgerung beantragen.

Damit setzt sich eine Tradition des zweiten Bildungsweges fort, den aus den unterschiedlichsten Gründen Benachteiligten, angefangen bei den Kriegsheimkehrern, Arbeiterkindern und Frauen bis hin zu Aussiedlern, POS-Absolventen, Spätaussiedlern und Ausländern, eine zweite Chance zu geben und Bildungsreserven zu mobilisieren.

Die Interessenten, die zu uns kommen, sind heute allerdings heterogener in Bezug auf die Qualifikationen, die hinter ihren formalen Abschlüssen stehen. Deutlichere Leistungsunterschiede erfordern besondere pädagogische Konzepte. Aber auch die Motive der Studierenden werden vielschichtiger: neben Studium oder beruflichem Aufstieg wird bei Umfragen die eigene Persönlichkeitsentwicklung oft als Ziel genannt. Erfahrungen und Fragen, die man sich erst als Erwachsener stellte, begründen ein genuines Bildungsinteresse, Frauen werden durch ihre Kinder, die das Gymnasium besuchen, wieder zum eigenen Schulbesuch animiert, Arbeitslose versuchen ihre Arbeitsmarktchancen zu verbessern.

Lern- und Arbeitstechniken (wieder "das Lernen lernen") vermitteln, das Interesse an neuen Fragestellungen wecken, Ausdauer und Frustrationstoleranz stärken, soziale Kompetenzen fördern, die immer wieder postulierten Schlüsselqualifikationen sind neben den fachspezifischen Inhalten zentrale didaktische Ziele des 2. Bildungsweges.

Fachübergreifende Projekte, die durch Kooperation zweier Fächer über einen längeren Zeitraum oder in der jährlich stattfindenden Projektwoche oder im Rahmen des klassischen Fachunterrichts realisiert werden, bieten unseren Studierenden einen besonders geeigneten Rahmen, fachübergreifendes Methodenlemen, kommunikative Fähigkeiten, Präsentationstechniken und anwendungsorientierte Kenntnisse im  Umgang mit Computern zu erwerben.

Wichtig sind auch aus dem Unterricht erwachsende außerunterrichtliche Erfahrungen: der Besuch des Theaters mit anschließendem Gespräch mit Schauspielern, die Exkursion, die der Erkundung eines Biotops oder der Rettung der Lurche dient, die Teilnahme an Podiumsdiskussionen mit politischen Vertretern oder Experten für den Nahostkonflikt, der Richter, der über die Praxis bei Asylrechtsverfahren berichtet, die Schriftstellerin, die aus ihrem neuen Buch liest und anschließend darüber diskutiert, Dozenten der Uni, die über Studieninhalte oder Anforderungen berichten, sind Beispiele wichtiger Lernsituationen, die über den Unterricht hinausweisen.

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Computer und Internet

Schon in den 80er Jahren wurde unsere Schule mit Computern ausgestattet, Informatik als eigenständiges Fach etabliert. Daneben wurden im Fachunterricht, z.B. in Mathematik, Physik, Chemie und Politik, Computer eingesetzt. Bei der Schnelllebigkeit im Bereich der neuen Medien verwundert es aber nicht, dass unsere Ausstattung in den letzten Jahren hoffnungslos veraltert war und nicht mehr den alltäglichen Berufserfahrungen unserer Studierenden entsprach.

Nach langen Bemühungen wurde Anfang dieses Jahres ein neues Netzwerk mit Internetanschluss angeschafft. Die politische Recherche im Internet, die Kommunikation in internen und externen Netzen, aber auch die Nutzung aktueller Anwendungssoftware sind seither Teil des Unterrichts geworden. Ziel ist es, dass jeder Studierende des Abendgymnasiums lernt, sich in Informations- und Kommunikationssystemen zurechtzufinden.

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Sport, Kunst und Theater

Auch Studierende, die zielorientiert die Abendschule besuchen, um sich Wissen anzueignen und Abschlüsse nachzuholen, nehmen gerne an unseren Arbeitsgemeinschaften teil, von denen insbesondere die Sport-, Kunst- und Theater-AG eine wichtige Funktion haben. Badminton, Schwimmen und insbesondere Volleyball, mit dem von unserer Schule initiierten jährlichen Volleyballturnier der niedersächsischen Abendgymnasien und Kollegs, werden mit Begeisterung gespielt. In der Theater- und in der Kunst-AG findet mancher Studierende eine neue Möglichkeit, sich auszudrücken; Ausstellungen, z.B. in den Stiftsherrenhäusern, oder die regelmäßigen Kunstauktionen sind ebenso wie die Theateraufführungen Höhepunkte im Schulleben.

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Unsere Studierenden

In 50 Jahren haben 1623 Studierende am Abendgymnasium Braunschweig das Abitur erworben, 727 Frauen und 896 Männer, hinzu kommen seit 1983 170 Studierende mit Fachhochschulabschluss (79 Frauen, 91 Männer). 

In den letzten 10 Jahren sind die Studierenden im Schnitt jünger geworden, einige kommen unmittelbar nach Abschluss ihrer Berufsausbildung. Aber auch Großmütter und Großväter sind in fast jedem Jahrgang vertreten.

Knapp über 50 % unserer Studierenden kommen aus der Stadt Braunschweig, die übrigen von überall her aus dem Umland, besonders aus Wolfenbüttel, Salzgitter und Helmstedt, aber auch aus Wolfsburg, dem Kreis Gifhorn, Peine und dem Harzvorland, einige wenige fahren über 50 km, um zur Schule zu kommen.

An der Schule sind viele Berufsgruppen vertreten, unsere Studierenden kommen aus dem öffentlichen Dienst, aus großen Industrieunternehmen, mittelständischen Unternehmen, Kleinstbetrieben, dem Einzel- und Großhandel, sie arbeiten bei Ärzten, Anwälten, Steuerberatern, tanzen Ballett im Braunschweiger Theater oder verdienen sich in wechselnden Jobs ihren Lebensunterhalt. Einige wenige sind selbstständig, seit einigen Jahren aufgrund der allgemeinen Situation auf dem Arbeitsmarkt aber auch viele arbeitslos. Und dann gibt es natürlich noch viele Frauen, die sich um ihre Kinder kümmern. Statistisch schwankt das von Jahr zu Jahr.

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Das Kollegium

In den letzten 10 Jahren war ein hohes Maß an Personalfluktuation zu verzeichnen, Ende der 80er bis Anfang der 90er wurden noch viele KollegInnen ans Abendgymnasium versetzt. Parallel zur Verringerung der Schülerzahlen hat sich dann das Kollegium von ca. 30-35 auf jetzt gut 20 verringert. Wie an allen Schulen gab es seit Jahren kaum noch echte Neueinstellungen, das Durchschnittsalter ist im letzten Jahr auf über 50 angestiegen.

Das Kollegium im Sommer 1997

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Einige abschließende Bemerkungen

Das Abendgymnasium ist immer noch eine attraktive Schulform, die vielen eine Chance bietet, die so andere Bildungsträger nicht bieten können. Schülerrückgang und eine Auffächerung des Bildungsangebotes haben die Abendgymnasien jedoch gezwungen, offensiver Bildungswerbung zu betreiben, um den eigenen Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Interessant ist, dass sich immer noch deutlich über 50 Prozent aller Interessierten auf persönliche Empfehlung ehemaliger Studierender für den Schulbesuch anmelden, was durchaus für die Schule spricht.

Aber immer noch gibt es viele Bildungsinteressierte, die nur durch Zufall vom Abendgymnasium erfahren. Halbjährlich stattfindende Beratungstage haben Anklang gefunden, sie dienen der Information und helfen, Kontakte zu pflegen: Studierende, Ehemalige und Interessierte können sich hier austauschen, an Probeunterrichten teilnehmen, Projektergebnisse begutachten oder an einer Schul- und Studienberatung teilnehmen. 50 Jahre Abendgymnasium, das sind 50 Jahre Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen und wechselnde Rahmenbedingungen. Getragen wurde diese Entwicklung von einem engagierten Kollegium, das schon immer mehr als nur den eigenen Unterricht im Auge hatte, das gesellschaftliche Entwicklungen antizipierte, neue Unterrichts- oder Organisationskonzepte entwickelte und in die Unterrichtspraxis umsetzte. Leider ließen sich viele gute Ideen nicht immer umsetzen, Verordnungen und Rahmenrichtlinien setzen oftmals einen zu engen Rahmen, um auf die besonderen Umstände an einem Abendgymnasium mit der nötigen Flexibilität agieren zu können. Die Verwaltungsreform hat zwar viele (Verwaltungs-) Entscheidungen (und damit viel Arbeit) an die Schulen delegiert, die Budgetierung hat in den Finanzentscheidungen mehr Freiheit (und Arbeit) gebracht, aber der eigenständigen Unterrichtsorganisation sind immer noch enge Grenzen gesetzt. Hier würden sich die Abendgymnasien im Interesse der Studierenden mehr Flexibilität wünschen.

Günter Schumacher

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